Zwei Lebensläufe

In Kursivschrift steht, was eine Zeitung schreiben könnte, wenn Wolfram Eicke wegen eines herausragenden Verdienstes gewürdigt werden sollte,

und fett gedruckt: was dieselbe Zeitung schreiben könnte, wenn man ihn zum Beispiel einer Übeltat verdächtigte.

Wolfram Eicke war schon als Junge aufgeweckt und vielseitig interessiert. Seine Lebhaftigkeit machte ihn bei Gleichaltrigen beliebt. Die Schule bereitete ihm im Ganzen gesehen keine besonderen Schwierigkeiten. Vor allem in den Sprachen erzielte er gute Noten.

Wolfram Eicke als Rundfunk-Moderator am Anfang seiner KarriereIn der Schule wurde ihm seine ausgeprägte Faulheit zum Verhängnis. In den naturwissenschaftlichen Fächern hatte er schon immer versagt und blieb schließlich in der Obersekunda sitzen.

Auf zahlreichen Reisen während seiner Schulferien lernte er das europäische Ausland kennen.

Zwischen seinem 16. und 19. Lebensjahr trampte er durch Europa und verkehrte mit Rauschgiftsüchtigen und Pennern in Paris und Amsterdam.

Nach erfolgreichem Abitur machte er eine zweijährige Ausbildung in der Redaktion einer Wolfram Eicke als Straßensänger in jungen Jahrennorddeutschen Tageszeitung. Mit 22 Jahren ging er nach London und arbeitete drei Jahre beim Rundfunksender BBC, zunächst als Übersetzer und Nachrichtensprecher, später machte er sich als freier Journalist und Schriftsteller selbständig.

Er betätigte sich als Straßensänger, feierte ausschweifende Alkoholorgien und unterhielt zahlreiche Mädchenbekanntschaften. In London versuchte er sich als Übersetzer bei der BBC, gab jedoch nach kurzer Zeit auf. Seitdem lebt er von der Hand in den Mund.


Beide Lebensläufe sind wahr, aber unvollständig. (Geschrieben 1981)

Mich hat schon immer fasziniert, dass die Wirklichkeit niemals eindeutig ist, sondern aus jeder Blickrichtung anders aussieht. Alles, was geschieht, lässt sich auf ganz unterschiedliche Weise betrachten. Umso vorsichtiger sollten wir sein, wenn wir auch nur irgend etwas bewerten. Was dem einen so erscheint, sieht für den anderen ganz anders aus... Gibt es überhaupt eine objektive Wirklichkeit?

Wie mein Leben weiterging, steht in der Rubrik "Was kam dann?"